Man hört ja immer wieder schlimme Geschichten über das amerikanische Gesundheitssystem. Nachdem ich dank des Unfalls die Gelegenheit hatte und habe, es direkt zu erleben, dachte ich mir ich schreibe mal was dazu - da die geneigten Leser wohl das deutsche System kennen, werde ich mich auf eine reine Beschreibung beschränken und keinen Vergleich anstrengen.
Erste Hilfe: In den USA kann man offenbar verklagt werden, wenn man bei erster Hilfe (z.B. stabiler Seitenlage) einen Fehler macht. Verhält man sich passiv, ist jedoch alles gut, was bei uns dazu führte, dass die Leute einfach nur um uns herum standen und erzählten (und Witze rissen…die eine Frau meinte, sie sei gekommen weil ihr Hund gebellt hat und sie vermeiden wollte, dass er uns beisst..).
Soforthilfe: Ist wohl erstmal unabhängig vom Versichertenstatus, bei uns kamen Hubschrauber (für Flavian) und Rettungswagen (für mich), ohne dass wir groß gefragt wurden.
Schmerzmittelausgabe: Es scheint so eine klassische Standardfrage zu geben, die ich sicherlich insgesamt 5x gefragt wurde: “Auf einer Skala von 1-10, wie stark sind die Schmerzen?” - Ich hab dann mal mit 6 geantwortet (da, aber erträglich eben) und dann kam die Frage, ob ich denn gegen Morphium allergisch sei…ich hab dann gemeint, so schlimm isses nun auch nicht, auf jeden Fall sind die Jungs dort aber offenbar schneller bei der Hand.
Krankenhaus: Hier muß man jetzt unterscheiden zwischen State oder County Hospitals (also staatlichen) und anderen: State/County Hospitals sind verpflichtet dazu, jeden zu behandeln, während das bei sonstigen wohl nur bei Fällen auf Leben und Tod der Fall ist. Nachdem ich jedenfalls im Krankenhaus ankam und wieder mit “6″ geantwortet habe, entschwanden erstmal die Leute und haben mich eine gefühlte halbe Stunde in der Notaufnahme liegen lassen - ich denke mal es waren so 10 Minuten, aber fand das schon sehr erstaunlich. Als nächstes erschien dann die Anwältin (?) des Krankenhauses, die einen eben tatsächlich nach Versicherung fragt. Das läuft also wirklich so ab, wie man das vielleicht aus Filmen o.ä. kennt, dass man sobald bei Bewusstsein erstmal Angaben zur Versicherung machen muß, bevor es weitergeht.
Naja, irgendwann kam jedenfalls der Doc und dann ging es vorwärts.
Versicherung: Interessanterweise zahlt hier die Autoversicherung für die Krankenhauskosten (zumindest meine, Flavian muß einen Teil selber zahlen da selbst schuld) und meine eigene Versicherung springt nur als “secondary” ein, falls die Autoversicherung aus irgendeinem Grund nicht zahlt. Im Gegensatz zu unserem System geht hier aber alles etwas lockerer zu, so muß ein Unfall beispielsweise nicht innerhalb von 48 Stunden gemeldet werden:
In meinem Fall schickt mir das Krankenhaus eine Rechnung zu, die ich weiterleiten werde an die Autoversicherung. Lustigerweise ist aber weder die Rechnung noch die Formulare von der Autoversicherung bisher bei mir aufgetaucht. Allerdings rief die Autoversicherung direkt am nächsten Tag an und nahm meine Aussage auf Band auf, inkl. Fragen wie “Planen sie, gegen den Fahrer weitere rechtliche Schritte zu unternehmen?” etc. - offenbar sind die Jungs hier sehr penibel auf rechtliche Absicherung gedacht
Da meine Brille bei dem Unfall futsch war, wollte ich am nächsten Tag dann eine neue machen lassen, mußte aber feststellen, dass man hier beim Optiker einen Termin ausmachen muß, anstatt einfach hingehen zu können. Der Vorteil ist allerdings, dass die die Brille dann direkt, also innerhalb von 1-2 Stunden machen, anstatt die Gläser von einer zentralen Stelle zu bestellen.
Interessant an dieser Stelle ist jetzt, dass es sogenannte Health Care Provider Networks gibt für jede Versicherung. Konkret bedeutet dass, dass jede Versicherung nur ausgewählte Ärzte unterstützt und man bei allen anderen erstmal selber zahlen muß. Da Flavians Autoversicherung aus Iowa ist, ist das Netzwerk auch nur dort regional angesiedelt, was für mich bedeutete, dass ich jetzt erstmal die neue Brille bar bezahlen mußte (nachdem ich erzählt hatte, dass die Autoversicherung das bezahlt wollten die mir in dem Laden übrigens ne Calvin-Klein-Brille andrehen…). Für mich ist das nicht weiter tragisch, da ich als Beifahrer keine Schuld trage, aber wenn Flavian beispielsweise eine neue Brille gebräucht hätte, wäre er auf den Kosten dafür dann sitzen geblieben, weil die hiesigen Optiker nicht zu seinem Health Care System zählen.
Nachuntersuchung (Termin ausmachen): Nachdem ich dann doch einige Tage später noch Kopfschmerzen und Schwindelanfälle gehabt hab, hielt ich eine Nachuntersuchung für angebracht, um ggf. langfristige Schäden auszuschliessen - also hab ich mir die nächste Klinik ausgesucht und dann auf der im Internet angegeben Nummer angerufen…ich weiß allerdings nicht so genau, wo ich da gelandet bin: Erstmal hat mich die gute Frau ein paar Minuten über Statistiken ausgequetscht (rauchen sie etc.), dann war sie irgendwann fertig und ich meinte dann “Ja ich würd gerne in ihrem Krankenhaus n Termin ausmachen wegen Unfallnachuntersuchung”…und dann meinte sie irgendwie, da müßte ich bei den Ärzten selber anrufen, sie könne mir die Nummern geben…die auch im Internet standen und ich vor mir hatte. Dann irgendwann versucht die abzuwürgen und sie hat noch ein bisschen Werbung abgelassen nach dem Motto “Rufen sie an wenn ich irgendwas für sie tun kann, wir sind 24/7 erreichbar”…Mit einem gedanklichen “jaaaa, genau” hab ich aufgelegt
Nächster Schritt war dann, dort direkt anzurufen (also bei den Ärzten)…da landete ich dann in der Neurologieabteilung, die mir sagten ich müsse unter der allgemeinen Termin-Ausmach-Nummer anrufen…also dort angerufen und dann weiterverbunden an die Patientenabteilung, da Neukunde und es müssen erst meine Daten erfasst werden…der Kerl dort wollte dann meine Telefonnummer wissen, die ich nicht auswendig kann und war nicht imstande mich zu registrieren, ohne eine Nummer zu haben. Also dann irgendwann entnervt aufgegeben, nach dem Nachschauen im Handy zurückgerufen und dann diesmal mit einer Frau verbunden worden…NEEEEEIN: die hat das erstmal 5 Minuten nicht kapiert dass ich nur meine Telefonnr. noch updaten wollte und nen Termin ausmachen wollte, irgendwann hats dann doch geklappt und ich wurde wieder zur allgemeinen Termin-Ausmach-Hotline durchgestellt. Denen hab ich dann wieder erzählt dass ich doch einen Termin ausmachen will wegen meinem Kopf beim Neurologen und das hat dann auch geklappt…dachte ich.
Nachuntersuchung (der Termin): Die sagten mir noch ich soll 20 Minuten früher da sein (wegen Formulare ausfüllen) und dann tauchte ich eben bei besagter Neurologieabteilung auf…die mir dann erzählten, dass ich keinen Termin habe und nach einigem Suchen rausfanden, dass ich in der Abteilung “Family Health Care” erwartet werde, also sowas wie Allgemeinmedizin *seufz*
Naja, mangels Möglichkeiten halt dahin, mich bisschen aufgeregt über die Zustände, dann haben die wiederum nicht verstanden dass ich auf eigene Rechnung bezahle (die haben mir erst 5x erklärt dass sie keine 3rd-Party-Versicherungen akzeptieren, ich hab dann 5x gesagt “ja weiß ich, wurde mir gestern schon gesagt, ich mache Self Pay und reiche die Rechnung dann ein”) und ich durfte munter Formulare ausfüllen.
Irgendwann durfte ich dann weiter, wurde gemessen und gewogen (ich bin jetzt offiziell 5′8 :-), Temperatur genommen, Blutdruck und weiß ich was noch für unnötiges Zeug (ich bin mir schließlich bewußt, dass ich keine Grippe hab..). Naja, der Arzt selber war dann jedenfalls sehr nett, ein Finne der dann ein paar noch verspannte Muskeln im Nacken gefunden und mir ein paar Übungen zum Lockern gezeigt hat, durch die dann auch die Kopfschmerzen verschwinden sollten. Mit den Medikamenten war der aber auch wieder sehr locker bei der Hand und fleißig Rezepte geschrieben, wie schon der Kerl im Krankenhaus.
Gekostet hat das ganze dann $200 für 20 Minuten Gespräch, die Rechnung werde ich jetzt ebenso wie die Brillensachen einreichen müssen, wenn die denn dann mal irgendwann die Versicherungsunterlagen kommen werden…